28. März 2025

Kleiner Franziskaner

Eine Schuluniform ist das nicht. Alltagskleidung von Kindern auch nicht. Was dann?

Titelbild für Beitrag: Kleiner Franziskaner

Die linke Hand verrät es ansatzweise: Es ist kein Kleiderständer mit einer Kutte. Sondern ein Schüler aus der St. Franziskusschule, der ein solches Gewand trägt. Als kleiner „Franziskaner“ steht er zeichenhaft für die St. Franziskus-Grundschule. Am Tag der Offenen Tür. Eine kleine Franziskanerin war nicht weit weg von ihm zu finden. Sichtbar, hörbar und erlebbar.

Kopflos wie auf dem Foto war der Namensgeber unserer Schule nicht. Der heilige Franz von Assisi. Im Gegenteil: Vor mehr als 800 Jahren machte er sich nicht nur einmal im übertragenen Sinn einen Kopf über die Kirche, wie sie sich zu seiner Zeit darstellte: Mächtig war sie und überwiegend denen zugewandt, die Macht hatten. Sicherlich gab es damals auch Seelsorgende, die ein offenes Ohr oder helfende Hände hatten für jene, denen sie begegneten oder die sich an sie wandten. Doch war es eher eine Kirche für die Reichen.

Als Sohn eines begüterten Kaufmanns war Franziskus alles andere als arm. Seine rauschenden Feste, die er veranstaltete, waren bekannt dafür, dass es dabei hoch her ging. Dabei wurde an nichts gespart. Sein Vater war stolz auf seinen einzigen Sohn, der dessen Geld mit vollen Händen unter die Leute brachte.

Als Franziskus hoch zu Ross (SUVs gab es damals ja noch nicht) einem Leprakranken begegnet, wird ihm bewusst, dass Leben ganz anders sein kann. Er steigt ab von seinem Pferd, umarmt und küsst sein Gegenüber. Welchen Wert jener trotz seiner ansteckenden Krankheit immer noch hat, macht er auf diese Weise dem Ausgestoßenen deutlich.

Was ist tatsächlich wertvoll und wichtig? Immer wieder stellen wir uns hier in der St. Franziskus-Grundschule diese Frage. Materielles mag unterstützend sein. Weit wesentlicher ist und zentral im Mittelpunkt des Interesses steht mein menschliches Gegenüber. Weil und obwohl es noch Kind ist. „Es kostet Geld, ist laut und macht Dreck. Trotzdem mag ich es.“ So sagte es mir einmal ein Vater. Es ist so: Mädchen und Jungen nerven manchmal. Sie sind nicht immer lieb. Weil sie anders sprechen, denken und empfinden als ich. Nicht alles können sie. Vieles müssen sie erst noch lernen. Nicht immer sofort und gleich beim ersten Mal verstehen und begreifen sie, was ihnen gezeigt und erklärt wird. Auch Erwachsene sind Lernende. Lebenslang.

Franziskus bemühte sich, auch in denen noch ein Abbild Gottes zu sehen, auf die andere mit dem Finger zeigten. In Menschen, die von anderen benachteiligt, ausgelacht oder gemieden wurden. Weil sie nicht perfekt waren. Den Idealen ihres Gegenübers nicht entsprachen. Oder schlicht „anders“ waren als andere. Gerade auch sie sind - wie alle anderen - in seinen Augen Kinder Gottes. Im übertragenen Sinn seine Schwestern und Brüder.

„Sankt Franziskus, so heißt uns’re Schule. Sankt Franziskus, stimmt alle mit ein. Im Glauben von Franziskus hat Gottes Liebe gebrannt. Den Schwestern und den Brüdern reichte er die Hand. Wir wollen in der Welt, sind wir auch noch so klein, für and’re solche Schwestern und Brüder sein.“

Jener Auszug aus unserem Schullied steht für das, was für uns Richtschnur und maßgebend ist. Zwar kann ich mir meine Geschwister nicht aussuchen. Sie sich mich auch nicht. Doch trotz aller Unterschiede ist bleibendes Ziel, ein gutes Miteinander zu suchen und zu finden. Trotz mancher Eigenheiten, Eigenarten und Befindlichkeiten. Immer noch und immer wieder Verbindendes über Grenzen hinweg sichtbar, spürbar und erlebbar zu machen. Das ist für uns Aufgabe und Gabe zugleich. Menschlich gesehen, manchmal leichter gesagt als getan. Wir haben die Kinder, Eltern und Lehrenden, die wir haben. Keine anderen. Aber wir haben sie. Im besten Sinn des Wortes. So versuchen wir als Lehrende, Unterstützende und als Lernende, jeden Tag neu, das in Wort und Tat umzusetzen, was in unserem Schullied so formuliert ist: „Wir wollen jeden Tag unser’n Nächsten seh’n und lernen, diese Welt wirklich zu versteh’n.“ Als kleine Franziskanerinnen und Franziskaner nicht hinter Klostermauern. Sondern mitten in der Welt, die so ist, wie sie ist. In der St. Franziskus-Grundschule hier in Halle.

Br. Clemens Wagner ofm, Schulseelsorger und „großer“ Franziskaner